Herr Meier liebte Statistiken. Besonders die, die bewiesen, dass der Jahresanfang an der Börse etwas Magisches hatte. „Wie man ins Jahr startet, so endet es“, sagte er gern – und ignorierte dabei konsequent die letzten zwölf Jahre seines Depots.
Am 2. Januar um 9:01 Uhr eröffnete er deshalb feierlich einen neuen Fonds in seinem Kopf: den **„Jetzt-aber-wirklich-alles-besser“-Fonds**. Die Strategie war klar, sauber und absolut wasserdicht: nur Qualitätsaktien, langfristig, ruhig, besonnen. Keine Zockerei. Kein Hype. Keine Bauchentscheidungen. So der Plan.
Um 9:07 Uhr las er die erste Schlagzeile:
„Neue Mega-Chance! Dieses Thema wird 2025 explodieren!“
Um 9:09 Uhr war der Fonds bereits leicht angepasst. „Nur zur Beimischung“, wie er sich erklärte. Um 9:15 Uhr kam die nächste Eilmeldung, um 9:22 Uhr ein euphorischer Börsenkommentar, um 9:30 Uhr ein Tweet eines Menschen, der sehr überzeugt wirkte und ein Profilbild mit Sonnenbrille hatte.
Um 10:00 Uhr war der „Jetzt-aber-wirklich-alles-besser“-Fonds zu 43 % investiert in Dinge, die Herr Meier nicht aussprechen konnte, und zu 12 % in Unternehmen, deren Geschäftsmodell er mit „irgendwas Digitales“ beschrieb.
Am Nachmittag rief ein Freund an: „Und, wie läuft dein neues Jahr?“
Herr Meier antwortete ehrlich: „Stabil. Also emotional instabil, aber finanziell noch offen.“
Am Abend schaute er ins Depot. Minus 2,6 %. Kein Drama, aber auch kein Zauber. Er seufzte, klappte den Laptop zu und sagte versöhnlich:
„Na gut. Der Fonds braucht vielleicht erst mal Eingewöhnungszeit.“
Am nächsten Morgen, dem 3. Januar, fasste er einen reifen Entschluss:
Der Fonds bekam Urlaub. Bis Februar. Mindestens.
Moral der Geschichte:
An der Börse ist der Jahresanfang kein Neuanfang, sondern eher ein freundliches „Wir kennen uns doch“. Und das Depot vergisst nie, was man sich gestern fest vorgenommen hat.
Sonntag, 18. Januar 2026
18.1.2026: Der Jahresanfangsfonds, der schon am zweiten Tag Urlaub brauchte
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