Herr Blum war der Meinung, dass man an der Börse vor allem eines brauche: Commitment. Oder eben die Fähigkeit, es glaubhaft vorzutäuschen. Sein Depot war für ihn weniger eine Vermögensübersicht als vielmehr eine Sammlung emotionaler Verbindungen.
Wenn er eine Aktie neu kaufte, sprach er innerlich von einer „frischen Bekanntschaft“.
„Ich schau mir das erst mal in Ruhe an“, sagte er dann und kontrollierte den Kurs alle fünf Minuten. Ganz entspannt.
Nach ein paar Wochen nannte er bestimmte Positionen „langfristig“. Das bedeutete: Er hatte sie schon zweimal verkaufen wollen, es aber emotional nicht übers Herz gebracht.
„Wir haben schon so viel zusammen erlebt“, murmelte er, während der Kurs langsam nachgab.
Fiel eine Aktie deutlich, wurde Herr Blum nachdenklich.
„Vielleicht entwickeln wir uns gerade auseinander“, sagte er verständnisvoll.
Er verkaufte sie trotzdem nicht. Man sollte ja nicht überstürzt handeln.
Stieg eine andere Aktie stark an, wurde er misstrauisch.
„Zu schnell“, sagte er. „Das fühlt sich nicht ehrlich an.“
Er verkaufte sie – nur um ihr später wehmütig hinterherzuschauen.
Seine Watchlist nannte er intern „die Optionen“.
„Man will ja wissen, was es sonst noch so gibt“, erklärte er, ohne rot zu werden.
Als ihn ein Freund fragte, warum er so oft kaufe und verkaufe, antwortete Herr Blum ehrlich:
„Ich suche nichts Kurzfristiges. Aber festlegen möchte ich mich auch nicht.“
Abends schloss er die Börsen-App, seufzte leise und sagte:
„Kompliziertes Verhältnis.“
Am nächsten Morgen öffnete er sie wieder. Nur um kurz nachzusehen, wer sich gemeldet hatte.
Humorvolle Börsengeschichten
Sonntag, 28. Juni 2026
28.6.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Beziehungsstatus hielt
Sonntag, 21. Juni 2026
21.6.2026: Der Anleger, der sein Depot für eine Wetter-App hielt
Herr Reuter vertraute keinen Prognosen mehr. Weder denen der Analysten noch denen der Nachrichten. Stattdessen hatte er seine eigene Methode entwickelt: Er behandelte sein Depot wie eine Wetter-App – nicht zur Vorhersage, sondern zur ständigen Lagebeurteilung.
Morgens schaute er hinein und sagte Dinge wie:
„Ah. Leichter Gegenwind.“
Oder: „Bewölkung mit einzelnen Gewinnschauern.“
Wenn alles grün war, sprach er von einem Hochdruckgebiet.
„Das hält nie lange“, murmelte er skeptisch und nahm vorsorglich Gewinne mit.
Bei roten Zahlen hingegen blieb er erstaunlich ruhig.
„Kaltfront“, sagte er verständnisvoll. „Die zieht vorbei.“
Manchmal zog sie vorbei, manchmal blieb sie den ganzen Winter.
Besonders misstrauisch wurde Herr Reuter bei ruhigen Tagen.
„Zu stabil“, sagte er und aktualisierte die App mehrfach. „Da braut sich was zusammen.“
Er verkaufte vorsorglich ein bisschen, um vorbereitet zu sein. Auf was genau, wusste er selbst nicht.
Einmal stieg eine Aktie stark an, genau an einem Tag, an dem draußen strahlender Sonnenschein herrschte.
Herr Reuter fühlte sich bestätigt.
„Hab ich doch gespürt“, sagte er zufrieden und schaute aus dem Fenster.
Seine Freunde versuchten ihm zu erklären, dass Märkte nicht vom Wetter abhängen.
Herr Reuter nickte höflich.
„Natürlich nicht“, sagte er. „Aber ein Blick schadet nie.“
Abends schloss er die Börsen-App, öffnete die echte Wetter-App und stellte fest: Regen angekündigt.
Er seufzte, legte das Handy weg und beschloss, am nächsten Tag lieber defensiv zu bleiben. Nur für den Fall.
Sonntag, 14. Juni 2026
14.6.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Persönlichkeitstest hielt
Herr König war überzeugt, dass die Börse weniger über Geld verrät als über den Menschen selbst. „Mein Depot kennt mich besser als ich“, sagte er oft und öffnete die App mit einer Mischung aus Neugier und leichter Selbstkritik.
An guten Tagen fühlte er sich mutig. Dann kaufte er Wachstumsaktien, sprach von Zukunft und Innovation und nannte sich selbst „chancenorientiert“. An schlechten Tagen hingegen griff er zu defensiven Werten und erklärte allen, er sei schon immer ein sicherheitsliebender Typ gewesen. Beides meinte er vollkommen ernst.
Wenn eine Aktie stark schwankte, sagte er:
„Das bin eindeutig ich in Stresssituationen.“
Blieb eine Position monatelang unverändert, seufzte er.
„Konfliktscheu. Genau wie ich.“
Einmal verkaufte er eine Aktie nach einem kleinen Verlust.
„Ich kann loslassen“, sagte er stolz.
Am nächsten Tag kaufte er sie zurück.
„Aber nur, weil ich mich weiterentwickelt habe.“
Seine Watchlist war ein Spiegel seiner Stimmung.
Optimistisch: lang.
Verunsichert: kurz.
Nach einem besonders langen Arbeitstag bestand sie nur noch aus einem einzigen ETF. „Reduktion aufs Wesentliche“, nannte er das.
Freunde fragten ihn gelegentlich, ob er sich nicht klare Regeln setzen wolle.
Herr König winkte ab.
„Warum? Ich lerne ja jedes Mal was über mich.“
Am Abend schloss er die App, lehnte sich zurück und dachte kurz nach.
„Interessant“, murmelte er. „Heute war ich eher volatil.“
Sonntag, 7. Juni 2026
7.6.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Escape-Plan hielt
Herr Fuchs hatte immer einen Plan. Also zumindest das Gefühl, einen zu haben. Besonders an der Börse. Dort war sein wichtigster Gedanke nicht: *Wie investiere ich richtig?* sondern: *Wie komme ich hier im Notfall wieder raus?*
Jede Position in seinem Depot wurde von Anfang an mit einem gedanklichen Fluchtweg versehen.
„Hier steige ich ein“, sagte er – und ergänzte sofort: „…aber nur, falls ich auch schnell wieder weg kann.“
Er liebte Aktien mit viel Volumen. Nicht wegen der Liquidität, sondern wegen der inneren Ruhe.
„Wenn’s brennt, ist hier der Notausgang breit genug“, murmelte er zufrieden.
Bei ruhigen Kursverläufen wurde Herr Fuchs nervös.
„Zu still“, sagte er misstrauisch. „Genau dann passiert was.“
Er reduzierte vorsorglich die Position. Sicherheitshalber. Man weiß ja nie.
Einmal stieg eine Aktie stark an. Herr Fuchs freute sich kurz – dann begann er hektisch zu planen.
„Okay, wenn das jetzt kippt, verkaufe ich hier. Oder hier. Oder sofort.“
Er verkaufte sofort. Der Kurs stieg weiter. Herr Fuchs nickte ernst.
„Gut gegangen.“
Besonders wohl fühlte er sich an Tagen, an denen der Markt schwankte, aber nichts Entscheidendes passierte.
„Ideales Übungsszenario“, erklärte er. „Ein- und Aussteigen ohne echtes Risiko.“
Seine Freunde fragten ihn manchmal, warum er nie lange investiert sei.
Herr Fuchs lächelte.
„Ich bin nicht ungeduldig“, sagte er. „Ich bin vorbereitet.“
Abends schloss er die Börsen-App mit dem beruhigenden Gefühl, jederzeit handlungsfähig zu sein.
Am nächsten Morgen öffnete er sie wieder – nur um kurz zu prüfen, wo heute die Ausgänge sind.
Sonntag, 31. Mai 2026
31.5.2026: Der Anleger, der sein Depot für ein Bewerbungsgespräch hielt
Herr Baumann war überzeugt, dass Aktien sich bewerben müssen. Nicht bei ihm als Investor – nein, bei ihm als **Personaler des Kapitals**. „Mein Geld arbeitet nur mit motivierten Kandidaten“, sagte er ernst und öffnete sein Depot mit dem kritischen Blick eines HR-Managers am dritten Gesprächstag.
Jede Aktie bekam bei ihm eine innere Bewerbungsmappe.
Name: bekannt.
Branche: akzeptabel.
Werdegang: na ja.
Wenn eine Aktie stagnierte, lehnte sich Herr Baumann zurück und sagte:
„Erzählen Sie mir doch bitte, wo Sie sich in fünf Jahren sehen.“
Fiel der Kurs, notierte er gedanklich: „Schwächen ehrlich kommuniziert.“
Stieg er stark, wurde er misstrauisch. „Zu glatt. Klingt auswendig gelernt.“
Einmal verkaufte er eine Aktie nur deshalb, weil sie nach einem guten Quartal weiter stieg.
„Nach dem ersten Lob gleich überheblich“, murmelte er. „Passt nicht ins Team.“
Bei Neukäufen war er besonders streng. Er klickte nicht sofort auf „Kaufen“, sondern ließ die Aktie erst ein paar Tage „warten“.
„Wer wirklich will, bleibt sichtbar“, erklärte er.
Seine Freunde fragten ihn gelegentlich, warum er Chancen so oft verstreichen lasse.
Herr Baumann lächelte souverän.
„Ich suche keine schnellen Erfolge. Ich suche Cultural Fit.“
Abends schloss er die App zufrieden.
„Gute Gespräche heute“, sagte er leise. „Ein paar Kandidaten mit Potenzial.“
Am nächsten Morgen meldete sich der Markt ungefragt zurück. Herr Baumann seufzte, straffte innerlich die Krawatte und öffnete wieder das Depot.
Sonntag, 24. Mai 2026
24.5.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Gruppentherapie-Raum hielt
Herr Seidel war überzeugt, dass sein Depot vor allem eines brauchte: Verständnis. Nicht Rendite, nicht Geduld, sondern Verständnis. „Aktien sind auch nur Zahlen mit Gefühlen“, sagte er und klang dabei, als hätte er gerade ein sehr tiefes Finanzbuch gelesen – oder sehr schlechten Schlaf gehabt.
Wenn er morgens die Börsen-App öffnete, sprach er leise mit den Positionen.
„Na, wer von euch hat heute Redebedarf?“
Die Aktie mit minus sieben Prozent bekam sofort Aufmerksamkeit.
„Das ist okay“, murmelte er. „Du musst heute nichts leisten.“
Die Aktie mit plus drei Prozent betrachtete er kritisch.
„Schön, dass es läuft“, sagte er, „aber bleib bitte realistisch.“
Einmal verkaufte er eine Aktie nicht, obwohl sie seit Monaten enttäuschte.
„Wir arbeiten da noch was auf“, erklärte er seinem Freund. „Die Vergangenheit war schwierig, aber das Potenzial ist da.“
Wenn mehrere Positionen gleichzeitig fielen, sprach Herr Seidel von einer „kollektiven Phase“.
„Das kennt man“, sagte er verständnisvoll. „Alle gleichzeitig überfordert.“
Besonders nervös wurde er, wenn eine Aktie plötzlich stark stieg.
„Das ist zu schnell“, sagte er. „Da ist bestimmt was nicht verarbeitet.“
Sein Depot war selten ruhig, oft widersprüchlich und emotional aufgeladen. Aber Herr Seidel blieb gelassen. Er glaubte fest daran, dass alles besser läuft, wenn man den Dingen Zeit gibt.
Abends schloss er die App behutsam.
„Wir sehen uns morgen wieder“, sagte er leise. „Und denkt dran: Niemand muss heute outperformen.“
Am nächsten Morgen war alles rot. Herr Seidel nickte verständnisvoll.
Sonntag, 17. Mai 2026
17.5.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Kühlschrank hielt
Herr Franke öffnete sein Depot so, wie andere Menschen ihren Kühlschrank öffnen: oft, grundlos und in der Hoffnung, dass sich seit dem letzten Blick etwas Wunderbares ergeben hatte.
Morgens vor der Arbeit: kurzer Blick.
„Hm. Nichts Neues.“
Mittags: nochmal schauen.
„Interessant, das war eben noch nicht da.“
Abends: ein dritter Blick.
„Warum ist das jetzt schon wieder rot?“
Er wusste selbst nicht genau, warum er so oft nachsah. Hunger nach Rendite vielleicht. Oder einfach Gewohnheit. Jedenfalls klickte er reflexartig auf die App, sobald ihm langweilig war. An der Bushaltestelle. In der Warteschleife. Beim Zähneputzen.
Wenn eine Aktie stieg, fühlte er sich bestätigt.
„Hab ich mir gedacht“, sagte er, obwohl er sich vorher nichts gedacht hatte.
Wenn sie fiel, runzelte er die Stirn.
„Komisch“, murmelte er, „gestern sah die noch besser aus.“
Besonders mochte er das Gefühl, etwas „rauszunehmen“. Gewinne verkaufen nannte er intern „Reste verwerten“. Verluste hingegen ließ er liegen. „Die kann man vielleicht später noch gebrauchen.“
Einmal kaufte er eine Aktie nur deshalb, weil sie ihm beim fünften Öffnen des Depots immer noch angezeigt wurde.
„Die liegt da so rum“, sagte er. „Die will bestimmt mit.“
Als ihn ein Freund fragte, ob er eigentlich einen Plan habe, antwortete Herr Franke ehrlich:
„Schon. Ich gucke regelmäßig rein, damit nichts schlecht wird.“
Abends legte er das Handy weg, zufrieden vom vielen Schauen.
Am nächsten Morgen öffnete er das Depot wieder.
Man weiß ja nie.
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