Herr Albrecht liebte Fernsehen. Besonders Reality-Shows, in denen Menschen unter Dauerbeobachtung seltsame Entscheidungen trafen und sich dabei für strategisch brillant hielten. Eines Tages stellte er fest, dass sein Depot im Grunde dasselbe bot – nur ohne Werbepausen.
Er gab jeder Aktie einen Spitznamen.
Die solide Dividendenaktie hieß „Der Vernünftige“.
Der volatile Techwert war „Der Drama-Kandidat“.
Der kleine Nebenwert mit großen Versprechen wurde schlicht „Der mit der traurigen Vergangenheit“ genannt.
Jeden Morgen startete er die neue Folge.
„Was habt ihr heute vor?“, fragte er sein Depot und wartete gespannt auf die ersten Kursbewegungen. Wenn eine Aktie stieg, kommentierte er laut:
„Ah, heute mal von der Schokoladenseite.“
Fiel sie, schüttelte er den Kopf.
„Klassischer Ausraster in Folge 7.“
Besonders liebte er Tage mit viel Volatilität.
„Endlich Action!“, freute er sich, während andere nervös wurden. Ruhige Markttage nannte er „Füllmaterial“ und klickte enttäuscht durch die Kurse, als sei nichts passiert.
Einmal verkaufte er eine Aktie nicht, obwohl sie deutlich im Minus war.
„Die Story ist noch nicht auserzählt“, erklärte er überzeugt. „Die braucht nur einen guten Schnitt.“
Als ein Freund fragte, warum er bei einem starken Anstieg nicht endlich Gewinne mitnehme, antwortete Herr Albrecht trocken:
„Zu früh fürs Staffelfinale.“
Abends schloss er die App zufrieden.
„Spannende Folge“, sagte er. „Morgen schalten wir wieder ein.“
Und irgendwo zwischen Opening Bell und Handelsschluss hatte er das Gefühl, Teil der Show zu sein – mit Kommentarfunktion, aber ohne Drehbuch.
Sonntag, 10. Mai 2026
10.5.2026: Der Anleger, der sein Depot für eine Reality-Show hielt
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