Bei der altehrwürdigen Investmentbank „Grünstein & Partner“ galt eine eiserne Regel: Kein Analyst verlässt das Gebäude ohne eine Einschätzung zum Markt. Egal wie absurd, vage oder astrologisch begründet – Hauptsache, es steht was auf dem Papier.
Jens-Peter von Krawuttke, frisch gebackener Junior-Analyst mit Doppelnamen und Dreitagebart, war an der Reihe. Es war Freitagnachmittag, alle wollten ins Wochenende – doch er musste noch eine Empfehlung zur Aktie „TechnoGreen Robotics“ abgeben.
Die Firma war ihm völlig unbekannt. Ihre Website war ein Mix aus Science-Fiction, Buzzwords und einem YouTube-Video mit 37 Klicks, in dem ein Roboter versuchte, eine Erdbeere zu falten.
Jens-Peter grübelte. Die Deadline rückte näher. Also griff er zur Notlösung aller Analysten in der Not:
> „**Halten.**“
Aber er wollte nicht *zu* langweilig wirken. Also formulierte er es etwas… dynamischer:
> „Wir sehen kurzfristig moderates Abwärtspotenzial mit begrenztem Rückschlagrisiko, jedoch mittel- bis langfristig selektives Aufwärtspotenzial innerhalb eines volatilen Marktumfelds bei gleichzeitig neutraler Grundhaltung.“
Er selbst wusste nicht, was es bedeutete. Aber es klang teuer.
Am Montagmorgen: Chaos. Die Aktie sprang um 18 % nach oben. Medien jubelten:
**„Krawuttke prophezeit Robo-Rallye – TechnoGreen hebt ab!“**
Ein Kollege fragte:
„Was genau hast du in dem Satz gesehen, was andere nicht gesehen haben?“
Jens-Peter: „Ich… äh… meinte damit, dass… also... der Roboter… ist grün?“
Er wurde befördert. Ab sofort zuständig für „Narrativgetriebene Wachstumsstories mit visionärem Charakter“.
Moral der Geschichte: Wenn du nicht weißt, was du meinst – tu so, als ob es niemand anderes wissen dürfte. Und sag einfach: Halten.
Sonntag, 19. Oktober 2025
19.10.2025: Der Analyst, der seine eigene Empfehlung nicht verstand
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