Sonntag, 22. Februar 2026

22.2.2026: Der Anleger, der seinen Stop-Loss persönlich nahm

Herr Kroll war stolz auf seine Disziplin. Er benutzte Stop-Loss – konsequent, rational und mit der emotionalen Kälte eines Kühlschranks im Finanzamt. „Gefühle haben im Depot nichts verloren“, sagte er oft und klang dabei, als hätte er sie vorher eigenhändig hinausgeworfen.

Eines Morgens kaufte er die Aktie der „FutureVision AG“. Starkes Produkt, starke Story, starkes Selbstbewusstsein. Er setzte seinen Stop-Loss exakt bei minus 8 %. Nicht 7, nicht 9. Acht. Weil das in irgendeinem Börsenbuch sehr überzeugend klang.

Der Kurs fiel. Langsam. Zäh. Millimeterweise.
– Minus 3 %: Herr Kroll blieb ruhig.
– Minus 5 %: Er atmete bewusst.
– Minus 7,8 %: Er hielt den Atem an.

Dann: –8,01 %.

Zack. Verkauft.

Herr Kroll starrte auf den Bildschirm. „Okay“, sagte er sachlich. „Regeln sind Regeln.“
In genau diesem Moment drehte die Aktie. Innerhalb von zwei Stunden stand sie bei plus 6 %.

Herr Kroll fühlte, wie sein rationaler Investor innerlich leise weinte.

„Das ist doch persönliche Provokation“, murmelte er. „Die Aktie hat extra kurz unter meinem Stop-Loss nach Luft geholt.“

Er kaufte sie erneut. Diesmal etwas teurer. Setzte wieder einen Stop-Loss. Bei minus 8 %.

Zwei Tage später: exakt dasselbe Spiel. Verkauf. Danach Rallye.

Beim dritten Versuch setzte er den Stop-Loss bei minus 20 %.
Die Aktie fiel 21 % – und er verkaufte.
Am nächsten Tag kam die Übernahme-Meldung.

Herr Kroll saß lange still vor seinem Bildschirm. Dann schrieb er in sein Börsentagebuch:

„Stop-Loss schützt vor großen Verlusten. Aber nicht vor dem Gefühl, dass der Markt einen persönlich nicht mag.“

Heute nutzt er Stop-Loss immer noch. Aber mit einem Zusatz:
Er stellt ihn so weit weg, dass er selbst nicht mehr weiß, wo er ist. „Für die emotionale Hygiene“, wie er sagt.

Moral der Geschichte:
Stop-Loss ist wie ein Regenschirm: Er schützt zuverlässig – außer genau dann, wenn man ihn am dringendsten gebraucht hätte.

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