Herr Franke öffnete sein Depot so, wie andere Menschen ihren Kühlschrank öffnen: oft, grundlos und in der Hoffnung, dass sich seit dem letzten Blick etwas Wunderbares ergeben hatte.
Morgens vor der Arbeit: kurzer Blick.
„Hm. Nichts Neues.“
Mittags: nochmal schauen.
„Interessant, das war eben noch nicht da.“
Abends: ein dritter Blick.
„Warum ist das jetzt schon wieder rot?“
Er wusste selbst nicht genau, warum er so oft nachsah. Hunger nach Rendite vielleicht. Oder einfach Gewohnheit. Jedenfalls klickte er reflexartig auf die App, sobald ihm langweilig war. An der Bushaltestelle. In der Warteschleife. Beim Zähneputzen.
Wenn eine Aktie stieg, fühlte er sich bestätigt.
„Hab ich mir gedacht“, sagte er, obwohl er sich vorher nichts gedacht hatte.
Wenn sie fiel, runzelte er die Stirn.
„Komisch“, murmelte er, „gestern sah die noch besser aus.“
Besonders mochte er das Gefühl, etwas „rauszunehmen“. Gewinne verkaufen nannte er intern „Reste verwerten“. Verluste hingegen ließ er liegen. „Die kann man vielleicht später noch gebrauchen.“
Einmal kaufte er eine Aktie nur deshalb, weil sie ihm beim fünften Öffnen des Depots immer noch angezeigt wurde.
„Die liegt da so rum“, sagte er. „Die will bestimmt mit.“
Als ihn ein Freund fragte, ob er eigentlich einen Plan habe, antwortete Herr Franke ehrlich:
„Schon. Ich gucke regelmäßig rein, damit nichts schlecht wird.“
Abends legte er das Handy weg, zufrieden vom vielen Schauen.
Am nächsten Morgen öffnete er das Depot wieder.
Man weiß ja nie.
Sonntag, 17. Mai 2026
17.5.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Kühlschrank hielt
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