Frau Engel war neu an der Börse. Frisch aus einem VHS-Kurs „Finanzen für Fortgeschrittene Anfänger“ und mit einem Onlinebroker-Account bewaffnet, fühlte sie sich bereit, die Wall Street – oder zumindest den TecDAX – zu erobern.
Stundenlang hatte sie sich durch Foren, YouTube-Tipps und dubiose Telegram-Gruppen gelesen. Doch alles wirkte irgendwie… kompliziert. Kennzahlen, KGV, EBITDA, RSI – das klang für sie wie der Beipackzettel eines sehr teuren Medikaments.
Also fasste sie einen Entschluss:
**„Ich investiere in die Aktie mit dem schönsten Namen.“**
Nach kurzem Scrollen stand ihre Wahl fest:
**„Schmetterling Ventures AG“**
Ein kleiner Biotech-Wert mit wenig Umsatz, aber viel Fantasie im Namen.
„So zart, so poetisch – das muss einfach fliegen!“, dachte Frau Engel und klickte auf „Kaufen“.
Am nächsten Tag stieg die Aktie um 12 %. Sie fühlte sich wie Warren Buffett mit Pastellnagellack.
Nach zwei Wochen war sie bei +34 % und erzählte jedem, der nicht bei drei im Orderbuch war, von ihrer bahnbrechenden Strategie:
> „Man muss mit dem Herzen investieren!“
Ihr Friseur stieg ein. Ihre Yogalehrerin auch. Ihr Hund bekam ein Tuch mit dem Logo von Schmetterling Ventures.
Doch dann – wie es mit Schmetterlingen manchmal so ist – kam ein Sturm.
Die Firma gab bekannt, dass sie ihre einzige Forschungslinie einstellt. Die Aktie flatterte, taumelte, fiel.
Frau Engel verlor fast alles – aber nicht ihren Optimismus. Sie sagte lächelnd:
> „Naja, immerhin war es ein schöner Absturz.“
Heute ist sie zurück am Markt. Ihre aktuelle Lieblingsaktie heißt:
Happy Turtle Systems GmbH
Moral der Geschichte: Auch an der Börse gilt: Schönheit vergeht – Substanz bleibt. Aber hey, ein bisschen Poesie im Depot schadet niemandem.
Sonntag, 2. November 2025
2.11.2025: Die Aktie mit dem schönsten Namen
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