Herr Kühn war überzeugt, dass Märkte sensibel seien. Sehr sensibel. „Aktien spüren Stimmung“, sagte er ernsthaft, während andere Menschen noch glaubten, Kurse hätten etwas mit Zahlen zu tun.
Jeden Morgen begrüßte er sein Depot freundlich.
„Na, wie sieht’s heute aus?“ fragte er in sein Handy, als könne die App erröten. Wenn die Kurse grün waren, lobte er sie ausdrücklich. Wenn sie rot waren, senkte er die Stimme. Man wollte ja keinen zusätzlichen Druck erzeugen.
Besonders vorsichtig war er bei Verkäufen. Er kündigte sie vorher an.
„Hör zu“, murmelte er dann, „ich überlege nur. Noch ist nichts entschieden.“
Einmal stieg eine Aktie genau in dem Moment, als er laut sagte: „Ich halte zu dir.“ Herr Kühn war begeistert. „Siehst du!“, erklärte er später seinen Freunden. „Vertrauen ist alles.“
Fortan sprach er regelmäßig mit seinen Positionen. Bei schwachen Tagen versprach er Geduld. Bei starken Tagen warnte er vor Übermut. Er stellte sogar fest, dass Kurse besonders dann fielen, wenn er schlecht gelaunt war. Also versuchte er, möglichst optimistisch zu bleiben – nicht für sich, sondern fürs Depot.
Als ihn ein Freund fragte, ob er eigentlich auch Fundamentaldaten analysiere, antwortete Herr Kühn verwundert:
„Warum? Ich will die Aktien ja nicht verunsichern.“
An einem besonders turbulenten Börsentag legte er das Handy bewusst weg. „Heute kein Blick“, sagte er entschlossen. „Ihr regelt das schon.“
Am Abend öffnete er die App vorsichtig. Die Kurse waren unverändert. Herr Kühn nickte zufrieden.
„Manchmal hilft es eben, den Dingen Raum zu geben.“
Seitdem ist er überzeugt: Sein Depot funktioniert am besten, wenn man ihm zuhört – und manchmal einfach schweigt.
Sonntag, 22. März 2026
22.3.2026: Der Anleger, der dachte, sein Depot höre zu
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