Sonntag, 15. März 2026

15.3.2026: Der Anleger, der sein Depot für ein soziales Netzwerk hielt

Herr Langer war der festen Überzeugung, dass Börse vor allem eines sei: Kommunikation. „Aktien brauchen Aufmerksamkeit“, sagte er gern und klang dabei, als hätte er das Wort Diversifikation bewusst aus seinem Wortschatz gestrichen.

Jeden Morgen öffnete er zuerst nicht die Nachrichten, nicht den Wetterbericht und schon gar nicht die Kontoübersicht, sondern sein Depot. „Mal schauen, was ihr heute so macht“, murmelte er und scrollte liebevoll durch seine Positionen.

Wenn eine Aktie im Plus war, freute er sich ehrlich für sie. „Gut gemacht“, sagte er leise und ließ sie demonstrativ im Depot. War eine Aktie im Minus, nahm er das persönlich. „Was ist denn mit dir los?“, fragte er streng und klickte sich durch alte Kaufabrechnungen, als suche er nach dem Moment, in dem die Beziehung angefangen hatte zu kriseln.

Besonders kritisch wurde es, wenn mehrere Werte gleichzeitig fielen. Dann sprach Herr Langer von „schlechter Stimmung im Depot“ und vermied es, neue Käufe zu tätigen. „Ich will mich jetzt nicht aufdrängen“, erklärte er Freunden, die ihm empfahlen, doch gerade dann nachzukaufen.

Einmal verkaufte er eine Aktie nur deshalb, weil sie sich wochenlang nicht bewegte. „Kein Engagement“, sagte er enttäuscht. „Keine Reaktion. Keine Entwicklung. So funktioniert keine Beziehung.“

Als ein Freund ihn fragte, nach welchen Kriterien er eigentlich investiere, antwortete Herr Langer offen:
„Sympathie, Zuverlässigkeit und ein gewisser Unterhaltungswert.“

Sein Depot war selten ruhig, nie langweilig und finanziell ungefähr so stabil wie ein Gruppenchat nach Mitternacht. Aber Herr Langer war zufrieden. Er hatte das Gefühl, immer mitten im Geschehen zu sein.

Abends schloss er die App, legte das Handy weg und sagte:
„So. Für heute genug Börse. Ihr braucht auch mal eure Ruhe.“

Am nächsten Morgen schaute er wieder nach. Nur ganz kurz.

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