Herr Schuster begann jeden Börsentag gleich: Kaffee, Blick aus dem Fenster, dann die Börsen-App. Für ihn hatte das alles einen Zusammenhang. „Man muss nur richtig interpretieren“, sagte er und klang dabei wie ein Meteorologe mit Depotzugang.
War der Himmel grau, erwartete er Gegenwind an den Märkten.
„Bewölkt“, murmelte er dann, „das wird defensiv.“
Er kaufte Versorger, Versicherungen und alles, was nach Regenjacke klang.
Bei Sonnenschein hingegen war klar: Risiko.
„Strahlender Himmel, beste Voraussetzungen für Wachstum“, erklärte er und klickte sich begeistert durch Tech-Aktien, Start-ups mit futuristischen Namen und Unternehmen, deren Geschäftsmodell irgendwo zwischen „disruptiv“ und „ehrgeizig“ lag.
Einmal zog ein Gewitter auf. Donner, Blitze, Starkregen. Herr Schuster reagierte sofort.
„Volatilität!“, rief er, verkaufte panisch und ging komplett in Cash. Zwei Stunden später startete der Markt eine Rallye. Herr Schuster stand derweil am Fenster und nickte anerkennend.
„Typisch. Nach dem Sturm kommt oft die Sonne.“
An besonders windigen Tagen öffnete er sein Depot gar nicht.
„Zu unruhig heute“, sagte er. „Da trifft man schlechte Entscheidungen.“
Seine Freunde versuchten gelegentlich, ihm makroökonomische Zusammenhänge zu erklären. Zinsen, Inflation, Unternehmensgewinne. Herr Schuster hörte höflich zu und fragte dann:
„Und was sagt ihr Thermometer dazu?“
Am Jahresende stellte er fest, dass sein Depot erstaunlich wetterfest war. Nicht überragend, nicht katastrophal – aber immer passend zur Stimmung.
Als er an Silvester den letzten Blick auf die Kurse warf, lächelte er zufrieden.
Draußen nieselte es leicht.
„Na gut“, sagte er, „dann bleibt ihr eben noch ein bisschen so.“
Sonntag, 12. April 2026
12.4.2026: Der Anleger, der sein Depot wie einen Wetterbericht las
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