Herr Seidel war überzeugt, dass sein Depot vor allem eines brauchte: Verständnis. Nicht Rendite, nicht Geduld, sondern Verständnis. „Aktien sind auch nur Zahlen mit Gefühlen“, sagte er und klang dabei, als hätte er gerade ein sehr tiefes Finanzbuch gelesen – oder sehr schlechten Schlaf gehabt.
Wenn er morgens die Börsen-App öffnete, sprach er leise mit den Positionen.
„Na, wer von euch hat heute Redebedarf?“
Die Aktie mit minus sieben Prozent bekam sofort Aufmerksamkeit.
„Das ist okay“, murmelte er. „Du musst heute nichts leisten.“
Die Aktie mit plus drei Prozent betrachtete er kritisch.
„Schön, dass es läuft“, sagte er, „aber bleib bitte realistisch.“
Einmal verkaufte er eine Aktie nicht, obwohl sie seit Monaten enttäuschte.
„Wir arbeiten da noch was auf“, erklärte er seinem Freund. „Die Vergangenheit war schwierig, aber das Potenzial ist da.“
Wenn mehrere Positionen gleichzeitig fielen, sprach Herr Seidel von einer „kollektiven Phase“.
„Das kennt man“, sagte er verständnisvoll. „Alle gleichzeitig überfordert.“
Besonders nervös wurde er, wenn eine Aktie plötzlich stark stieg.
„Das ist zu schnell“, sagte er. „Da ist bestimmt was nicht verarbeitet.“
Sein Depot war selten ruhig, oft widersprüchlich und emotional aufgeladen. Aber Herr Seidel blieb gelassen. Er glaubte fest daran, dass alles besser läuft, wenn man den Dingen Zeit gibt.
Abends schloss er die App behutsam.
„Wir sehen uns morgen wieder“, sagte er leise. „Und denkt dran: Niemand muss heute outperformen.“
Am nächsten Morgen war alles rot. Herr Seidel nickte verständnisvoll.
Sonntag, 24. Mai 2026
24.5.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Gruppentherapie-Raum hielt
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