Herr König war überzeugt, dass die Börse weniger über Geld verrät als über den Menschen selbst. „Mein Depot kennt mich besser als ich“, sagte er oft und öffnete die App mit einer Mischung aus Neugier und leichter Selbstkritik.
An guten Tagen fühlte er sich mutig. Dann kaufte er Wachstumsaktien, sprach von Zukunft und Innovation und nannte sich selbst „chancenorientiert“. An schlechten Tagen hingegen griff er zu defensiven Werten und erklärte allen, er sei schon immer ein sicherheitsliebender Typ gewesen. Beides meinte er vollkommen ernst.
Wenn eine Aktie stark schwankte, sagte er:
„Das bin eindeutig ich in Stresssituationen.“
Blieb eine Position monatelang unverändert, seufzte er.
„Konfliktscheu. Genau wie ich.“
Einmal verkaufte er eine Aktie nach einem kleinen Verlust.
„Ich kann loslassen“, sagte er stolz.
Am nächsten Tag kaufte er sie zurück.
„Aber nur, weil ich mich weiterentwickelt habe.“
Seine Watchlist war ein Spiegel seiner Stimmung.
Optimistisch: lang.
Verunsichert: kurz.
Nach einem besonders langen Arbeitstag bestand sie nur noch aus einem einzigen ETF. „Reduktion aufs Wesentliche“, nannte er das.
Freunde fragten ihn gelegentlich, ob er sich nicht klare Regeln setzen wolle.
Herr König winkte ab.
„Warum? Ich lerne ja jedes Mal was über mich.“
Am Abend schloss er die App, lehnte sich zurück und dachte kurz nach.
„Interessant“, murmelte er. „Heute war ich eher volatil.“
Sonntag, 14. Juni 2026
14.6.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Persönlichkeitstest hielt
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
14.6.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Persönlichkeitstest hielt
Herr König war überzeugt, dass die Börse weniger über Geld verrät als über den Menschen selbst. „Mein Depot kennt mich besser als ich“, sagt...
-
Herr Drossel war begeisterter Privatinvestor – oder, wie seine Frau sagte: „Mann mit zu viel Depot und zu wenig Ahnung.“ Seine Lieblingsbesc...
-
Herr Breuer, Finanzjournalist mit Twitter-Zwangsstörung und einem Hang zu dramatischen Formulierungen, liebte es, seine Börsenkommentare mit...
-
Bei der altehrwürdigen Fondsgesellschaft „Sicher & Solide“ lief alles nach Protokoll. Die Zahlen wurden in Excel gepflegt, das Reporting...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen