Herr Blum war der Meinung, dass man an der Börse vor allem eines brauche: Commitment. Oder eben die Fähigkeit, es glaubhaft vorzutäuschen. Sein Depot war für ihn weniger eine Vermögensübersicht als vielmehr eine Sammlung emotionaler Verbindungen.
Wenn er eine Aktie neu kaufte, sprach er innerlich von einer „frischen Bekanntschaft“.
„Ich schau mir das erst mal in Ruhe an“, sagte er dann und kontrollierte den Kurs alle fünf Minuten. Ganz entspannt.
Nach ein paar Wochen nannte er bestimmte Positionen „langfristig“. Das bedeutete: Er hatte sie schon zweimal verkaufen wollen, es aber emotional nicht übers Herz gebracht.
„Wir haben schon so viel zusammen erlebt“, murmelte er, während der Kurs langsam nachgab.
Fiel eine Aktie deutlich, wurde Herr Blum nachdenklich.
„Vielleicht entwickeln wir uns gerade auseinander“, sagte er verständnisvoll.
Er verkaufte sie trotzdem nicht. Man sollte ja nicht überstürzt handeln.
Stieg eine andere Aktie stark an, wurde er misstrauisch.
„Zu schnell“, sagte er. „Das fühlt sich nicht ehrlich an.“
Er verkaufte sie – nur um ihr später wehmütig hinterherzuschauen.
Seine Watchlist nannte er intern „die Optionen“.
„Man will ja wissen, was es sonst noch so gibt“, erklärte er, ohne rot zu werden.
Als ihn ein Freund fragte, warum er so oft kaufe und verkaufe, antwortete Herr Blum ehrlich:
„Ich suche nichts Kurzfristiges. Aber festlegen möchte ich mich auch nicht.“
Abends schloss er die Börsen-App, seufzte leise und sagte:
„Kompliziertes Verhältnis.“
Am nächsten Morgen öffnete er sie wieder. Nur um kurz nachzusehen, wer sich gemeldet hatte.
Sonntag, 28. Juni 2026
28.6.2026: Der Anleger, der sein Depot für einen Beziehungsstatus hielt
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