Herr Reuter vertraute keinen Prognosen mehr. Weder denen der Analysten noch denen der Nachrichten. Stattdessen hatte er seine eigene Methode entwickelt: Er behandelte sein Depot wie eine Wetter-App – nicht zur Vorhersage, sondern zur ständigen Lagebeurteilung.
Morgens schaute er hinein und sagte Dinge wie:
„Ah. Leichter Gegenwind.“
Oder: „Bewölkung mit einzelnen Gewinnschauern.“
Wenn alles grün war, sprach er von einem Hochdruckgebiet.
„Das hält nie lange“, murmelte er skeptisch und nahm vorsorglich Gewinne mit.
Bei roten Zahlen hingegen blieb er erstaunlich ruhig.
„Kaltfront“, sagte er verständnisvoll. „Die zieht vorbei.“
Manchmal zog sie vorbei, manchmal blieb sie den ganzen Winter.
Besonders misstrauisch wurde Herr Reuter bei ruhigen Tagen.
„Zu stabil“, sagte er und aktualisierte die App mehrfach. „Da braut sich was zusammen.“
Er verkaufte vorsorglich ein bisschen, um vorbereitet zu sein. Auf was genau, wusste er selbst nicht.
Einmal stieg eine Aktie stark an, genau an einem Tag, an dem draußen strahlender Sonnenschein herrschte.
Herr Reuter fühlte sich bestätigt.
„Hab ich doch gespürt“, sagte er zufrieden und schaute aus dem Fenster.
Seine Freunde versuchten ihm zu erklären, dass Märkte nicht vom Wetter abhängen.
Herr Reuter nickte höflich.
„Natürlich nicht“, sagte er. „Aber ein Blick schadet nie.“
Abends schloss er die Börsen-App, öffnete die echte Wetter-App und stellte fest: Regen angekündigt.
Er seufzte, legte das Handy weg und beschloss, am nächsten Tag lieber defensiv zu bleiben. Nur für den Fall.
Sonntag, 21. Juni 2026
21.6.2026: Der Anleger, der sein Depot für eine Wetter-App hielt
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